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28.11.2020 19:12 Alter: 49 days

Predigt vom 1. Adventsonntag


2020-11-29 Markus 13,24-37, 1. Adventssonntag

In seinem Buch „Des Menschen Suche nach Sinn” erzählt der jüdische Psychiater Viktor Frankl, wie er die Gräueltaten des Konzentrationslagers überlebte. Frankl berichtet, dass eines der größten Leiden dabei das Warten war: Warten auf das Kriegsende, Warten auf eine unverhoffte Freilassung, bis hin zum Warten auf den Tod als Ende der Höllenqualen. Dieses Warten führte bei manchen Lagerinsassen dazu, dass sie keine Ziele mehr für die Zukunft hatten, dass sie ihren Bezug zur gegenwärtigen Realität verloren und schließlich ganz aufhörten zu kämpfen. Andere wiederum, wie Frankl, betrachteten das Lager als Herausforderung, ihre innere Stärke auf die Probe zu stellen, und als Chance, die tieferen Dimensionen der Freiheit zu entdecken. Wie auch immer: Das Warten zählt zu den großen Realitäten des Lebens.


Auch wir durchlaufen gerade wieder eine Zeit des Wartens, nämlich des Wartens auf das Ende der Pandemie. Dieses Warten ist so schwierig, dass viele deswegen Depressionen und Ängste durchleiden. Und ausgerechnet in dieser schwierigen Zeit naht Weihnachten. Wohl jeder von uns fragt sich, wie Weihnachten dieses Jahr ausfallen wird, wie wir uns auf das Fest vorbereiten und ob und wie wir es überhaupt letztendlich feiern können.


Heute, am ersten Adventssonntag, lasst uns einmal über unsere spirituelle Vorbereitung auf Weihnachten nachdenken. Zu Beginn des Advents ruft uns unsere Kirche auf zur Wachsamkeit, sie lenkt unseren Sinn in Richtung von Reue und Buße, damit wir darauf vorbereitet sind, Christus zu erkennen, wenn er kommt.


Bevor wir jungen Männer in Indien Priester wurden, war dieses Motto „Seid vorbereitet“ auch unbewusst Thema im Priesterseminar. Als Seminaristen wurden wir intensiv geformt, uns selbst auf die künftigen Pastoralen Aufgaben vorzubereiten, wie zum Beispiel auf die Pfarrverwaltung, das Unterrichten, das Seelsorgegespräch, die Liturgie und vieles mehr. Es gibt halt keine Priester, die fertig vom Himmel fallen, und das gleiche gilt auch für alle Christen. Wir müssen uns auf einen langen Prozess der Arbeit an uns selbst einlassen, denn es gibt Dinge, die man nicht in letzter Minute noch irgendwo erwerben oder auftreiben kann. Der Charakter ist zum Beispiel so eine Sache: Man kann ihn nicht kaufen oder ausleihen, wie ein Kleid für einen besonderen Anlass. Vielmehr muss man ihn über einen langen Zeitraum formen und ausbilden durch Lernen und Übung.


Wenn wir nun diese Zeit der Pandemie durchleben, dann ist das eine gute Chance, einmal über unseren Glauben, unser Gottvertrauen und über unsere Verantwortlichkeit als Christen nachzudenken. Wie Eltern, die ihren Teenagern die Obhut über das Haus anvertrauen, wenn sie einmal nicht da sind, oder wie ein Lehrer, der seine Klasse mit zahlreichen Arbeitsaufträgen für einige Zeit alleine im Klassenzimmer lässt, so vertraut Jesus uns, dass wir sein Werk fortführen, bis er einst wiederkommen wird. Und wir haben dabei die Aufgabe, Jesus in unserem täglichen Leben zu bezeugen. Es gibt in dieser Hinsicht viel zu tun in unseren Familien, Schulen, Pfarren und Gemeinden.
So lasst uns jeden Morgen, wenn wir aufwachen, aufs Neue beten: „Herr, zeige mir heute jemanden, mit dem ich Deine Liebe, Dein Erbarmen und Deine Vergebung teilen kann“. Mutter Teresa von Kalkutta hat einmal gesagt: „Was immer du tust in deiner Familie, für deine Kinder, für deinen Ehemann, für deine Ehefrau, das tue für Jesus.“


Und wenn wir dann abends zu Bett gehen, dann stellen wir uns die Frage: „Wo bin ich heute Christus begegnet?“ Die Antwort darauf wird Gottes Adventsgeschenk für uns an diesem Tag sein, sozusagen die Schokolade hinter dem Türchen Seines Adventskalenders. Indem wir wachsam und aufmerksam sind, erhalten wir ein extra Geschenk: Christus selbst! Wenn wir die erste Kerze in den Adventskrants anzünden, lassen wir uns die Kerze des Glaubens und der Hoffnung anzünden. Ich wünsche euch und euren Familien einen schönen Advent Zeit. Amen.


Lg
P Dominic